Homöopathie – die göttliche Heilkunst

Von Gerhard Risch

Es gibt bei allen medizinischen Phänomenen biologische, physikalische, chemische oder gar psychologische Aspekte. Daneben aber gibt es auch noch den philosophischen Aspekt. Leider wird dieser heutzutage meist gänzlich außer Acht gelassen, besonders dann, wenn es um die Behandlung des kranken Menschen geht. Und doch ist gerade er so außerordentlich wichtig, weil es ja für einen Leidenden nicht gleichgültig ist, wie er, der Kranke, von dem Behandler, dem er sich anvertraut hat, angesehen wird. Denn von der Einstellung des Arztes zum Beispiel zu der Frage, wer der Mensch ist, hängt auch seine Medikamention und sein psychologisches Verhalten gegenüber seinen Patienten ab. Sieht er etwa den Menschen – um einmal extrem zu formulieren – als eine biologisch, physikalisch und chemisch funktionierende Maschine an, dann muß, wenn der Mensch krank ist, diese Maschine repariert werden. Entsprechend dieser Einstellung und im Geiste solcher materialistischen Sicht wird dann medikamentiert oder operiert. Aber nicht nur der Behandler, sondern auch die Industrie, die ihm die Heilmittel anbietet und immer wieder neue entwickelt, kann auf solche Art und Weise weltanschaulich – oder besser gesagt, „menschenanschaulich“ – programmiert sein, was der kranke Mensch unter Umständen sehr unangenehm zu spüren bekommt. Ebenso wird natürlich auch die Einstellung des Arztes zu seinem Beruf, zur Heilkunst, und die der Industrie zur Frage, was ein Medikament sei, philosophisch geprägt sein, was ebenfalls wieder Auswirkungen auf die Behandlung des Kranken hat. Es ist durchaus nichts Neues, aber es sollte eben auch nicht vergessen werden:

Ohne den philosophischen Aspekt kommt man in der Medizin nicht aus!

Die philosophischen Voraussetzungen der Homöopathie kann man nun unter einem – für mich – wahrhaft faszinierenden Aspekt sehen. Er ist vielleicht geeignet, Ablehnung und Diskussion hervorzurufen, aber er kann vielleicht auch manchem Schwerkranken und auf der Grenze Stehenden Mut geben, diese Heilmethode auszuüben. Ich möchte nämlich die Behauptung aufstellen, dass Homöopathie die echt christliche Heilkunst ist und genau der im Neuen Testament ausgesagten Handlungsweise Gottes gegenüber den Menschen entspricht. Wenn man sich darüber einig ist, dass der oberste Grundsatz der Homöopathie die Ähnlichkeitsregel ist – „similia similibus curentur“ -, dann ist diese Behauptung gar nicht so schwer einzusehen.

Wer einmal das Alte Testament aufmerksam und interessiert liest und sich nicht von der altertümlichen Erzählweise beirren lässt, der wird Zeuge einer oft turbulenten und leidvollen Geschichte Gottes mit den Menschen, deren Hauptthema der immer wiederkehrende Versuch Gottes ist, seine widerspenstige und von ihm abgefallene Menschheit – seit Moses Zeiten dann durch das Volk Israel repräsentiert – allopathisch zu kurieren. Die „Krankheit“, um die es geht und die dabei geheilt werden soll, ist die Sünde der Menschen oder des Volkes, also der Abfall des Menschen von Gott, seine Widerspenstigkeit gegenüber Gott, sein Herausfallen aus der göttlichen Ordnung. Und schon auf den ersten Seiten der Bibel wird diese „Krankheit zum Tode“ so definiert, wie später Dr. Samuel Hahnemann die natürliche Krankheit begreift, als Fehlfunktionieren des Zentrums des Menschen. Für Hahnemann ist ja die körperliche, in bestimmten Regionen lokalisierte und durch bestimmte Symptome zum Ausdruck gebrachte Krankheit nichts anderes als Folge einer „Verstimmung der Lebenskraft“ (Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunst, 6.Auflage, §§11-12). Ebenso ist für die Bibel Sünde nicht eine einzelne böse Tat, sondern böse Taten oder Gedanken sind Folge der inneren Störung des Menschen. „Alles Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist nur böse immerdar...“ (1.Mose 6,5) – so definiert in der Sintflutgeschichte Gott selbst diese Krankheit des Menschen und motiviert damit seinen Beschluß, diese Menschen zu vernichten. Das Zentrum also ist gestört – und die Bibel nennt dieses Zentrum immer „das Herz des Menschen“, was natürlich nicht anatomisch zu verstehen ist, sondern eher dem modernen „Ich des Menschen“ entspricht. Dazu könnte man nun unzählige Belegstellen anführen, man würde nur Eulen nach Athen tragen. Jedem Kenner ist diese biblische Grundaussage über den Menschen klar, vor allem aber die Tatsache, dass auch Jesus und das Neue Testament durchgängig vom Menschen geredet haben.

Das Alte Testament schildert nun also, wie Gott versucht, den Menschen allopathisch, und das oft sehr drastisch, zu kurieren. „Contraria contrariis“ – dieser Grundsatz wird überdeutlich in der Sintflutgeschichte demonstriert: die ganze Menschheit wird ausgerottet bis auf die Familie des Noah. Wahrlich eine Radikaloperation! Nur die Sünde, also die Ursache der „Krankheit“ des Menschen wird dadurch nicht getroffen. Am Ende der Geschichte stellt Gott ausdrücklich fest, dass in dieser Beziehung noch alles beim Alten ist: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf (1. Mose 8, 21). Und später, als dann das Volk Israel das Gegenüber des Handelns Gottes geworden war, sieht es nicht anders aus:“...ihr sollt mir ein heiliges Volk sein“ (2.Mose 19, 6) – das war die Forderung Gottes beim Bundesschluß am Sinai. Und alles was unheilig war oder aus der Ordnung Gottes herausfiel, wurde ausgerottet oder durch drastische Gesetze eingedämmt. Da „entbrannte der Zorn Gottes“ immer wieder und vernichtete das, was „krank“, was schlecht am Volke Israel war. Da tat sich die Erde auf und verschlang die Rotte Korahs (4. Mose 16); da wurde ein Teil derer, die das goldene Kalb angebetet hatten, getötet (2. Mose 32); da wurden die, die sich mit den Töchtern fremder Stämme eingelassen hatten, umgebracht (4. Mose 25) usw. Immer war es dasselbe: gegen die Sünde – oder besser gesagt: gegen die äußerlichen Folgen der inneren Störung „Sünde“ – setzte Gott seinen Zorn oder drastisches Gesetz ein. Contraria contrariis! Nur an einer Stelle im Alten Testament – soweit ich sehe – gibt Gott „homöopathische“ Anweisungen zur Heilung eines Schadens: Während der Wüstenwanderung wurde das Volk von giftigen Schlangen überfallen, und viele wurden durch ihre Bisse getötet. In der Not wandte sich Mose an Gott und bekommt die eigenartige Anweisung, eine Schlange aus Bronze zu fertigen und sichtbar aufzuhängen. Jeder von den echten Schlangen Gebissene, der diese Bronzeschlange ansah, sollte geheilt werden. und so geschah es! (4. Mose, 21, 4-9). Hier haben wir es ohne Zweifel mit einem echten homöopathischen Gedanken zu tun.

Jesus nimmt nun im Neuen Testament ausdrücklich diesen Gedanken wieder auf und beschreibt mit ihm sein Erlösungswerk an der Menschheit: „Wie Mose in der Wüste eine Schlange erhöhte, so muß der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben“ (Johannes 3, 14.15). 
Er meint damit, dass er am Kreuz hängen müsse wie die bronzene Schlange am Pfahl, um ein Heilmittel zum Leben zu sein. Hier haben wir alle Merkmale einer echten Kur: Das Ziel der Kur, die Heilung = das ewige Leben für die Menschen; das Heilmittel = Jesus am Kreuz; die Einverleibung des Heilmittels = der Glaube. Und auf die Betrachtung dieses Heilmittels kommt es nun an! Denn hier wird nicht mehr der Zorn Gottes gegen die Sünde eingesetzt, sondern hier wird nach der Ähnlichkeitsregel „geheilt“. Ein am Kreuz gehängter ist nämlich nach alttestamentlichem Gesetz ein von Gott Verfluchter (5. Mose 21,23). Es wird also ein Verfluchter eingesetzt, um die Verfluchten zu retten. Diesen Gedanken greift der Apostel Paulus noch ein paar Mal ausdrücklich auf. In Galater 3, 13 schreibt er : “Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, weil er ein Fluch wurde für uns, denn es steht geschrieben: Verflucht ist jedermann, der am Holz hängt.“ Oder 2. Korinther 5, 21 schreibt er: „Gott hat den, der vor keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ Diese Tatsache, dass der Sohn Gottes uns ähnlich werden musste um uns zu retten, durchzieht ja das ganze Neue Testament und ist immer wieder Anlaß zum Wundern und Loben. Und gleichzeitig wird dabei betont, dass nicht der „allopathische“ Weg – also das Gesetz und der Zorn Gottes – zur Heilung und Rettung der Menschen geführt hat, sondern eben dieser „homöopathische“. „Als aber die Erfüllung der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, von einem Weibe geboren und dem Gesetz unterworfen, damit er die dem Gesetz Unterworfenen loskaufte, damit wir die Annahme an Sohnes statt erlangten“ (Galater 4, 4.5). Oder: „Gott sandte seinen Sohn in der Ähnlichkeit (in der Vulgata: in similitudinem) des sündigen Fleisches“ (Römer 8, 3). Oder – um die Beispiele zu beenden – in dem großen Christushymnus des Philipperbriefes, den Paulus überliefert, heißt es: „Christus Jesus ...entäußerte sich selbst, nahm die Gestalt eines Knechtes an und wurde den Menschen ähnlich (lateinisch: in similitudinem hominum factus), der Erscheinung nach wurde er wie ein Mensch erfunden“ (Philipper 2, 7.8). Lauter wahrhaft homöopathische Gedanken! Nur benutzt das Neue Testament für diese „Heilmethode“ Gottes natürlich nicht das Wort „Homöotherapie“, sondern den Zentralbegriff „Liebe“.

Und wenn ich recht sehe, sind bei dieser Heilweise Gottes, der sich übrigens selber als Arzt bezeichnet – „ Ich bin der Herr, dein Arzt“ (2. Mose 15, 26) -, sowohl die Ähnlichkeitsregel als auch die Dosierung berücksichtigt. Und auch das aus Liebe! Nachdem also immer wieder festgestellt wird, dass der Zorn Gottes und das Gesetz (als Contraria) die Sünde nicht haben überwinden und heilen können, wird dann als Evangelium, als frohe Botschaft, verkündigt, dass dies nun gelungen sei dadurch, dass Gott seinen Sohn als „Fluch“, als „Sünde“, „in der Ähnlichkeit des sündigen Fleisches“ (als Simillimum) eingesetzt hat. Das wäre die Ähnlichkeitsregel. Und gleichzeitig wird betont, dass er in „menschlicher Gestalt“, als „Knecht“, also klein, arm und schwach und nicht in seiner herrlichen, himmlischen, mächtigen Gestalt gekommen ist. Da hätten wir die Dosierung! Denn wäre er in seiner göttlichen, herrlichen Gestalt gekommen – in der er übrigens am Jüngsten Tage erscheinen wird – dann hätte er die Menschheit verstört und vernichtet. Dieser neutestamentliche Gedanke wird wunderbar illustriert durch ein Erlebnis, mit dem Friedrich von Bodelschwingh, der Gründer der Betheler Anstalten, den Kindern und Konfirmanden die Menschwerdung Christi zu erklären pflegte. Er war als Junge ein großer Vogelliebhaber, und in dem Garten um sein Haus nisteten viele Vögel. Einmal bemerkte er, dass eine junge Amsel, die noch nicht ganz flügge war, aus dem Nest gefallen war. Und er entdeckte zu seinem großen Entsetzen, auch einen dicken Kater, der bereits auf seine Beute lauerte. Da nahm er die Amsel, holte eine Leiter, stellte sie an den Baum und kletterte hinauf, um die Amsel wieder in ihr sicheres Nest zu bringen. Als er aber oben angekommen war, saßen da auf dem Rand des Nestes die anderen, ebenfalls noch nicht flüggen Geschwister der Amsel und flatterten bei seinem Anblick erschreckt in die Tiefe, wo sie sogleich von der Katze geholt wurden. Weinend kam er zu seiner Mutter und erzählte ihr die Sache. Diese machte ihm klar, dass er recht dumm gehandelt habe, und als er sie fragte, wie er es denn hätte anstellen sollen, die Amseln nicht zu erschrecken, gab sie zur Antwort: „Du hättest dich in eine Amsel verwandeln sollen.“ Da wurde ihm klar, warum Christus menschliche Gestalt angenommen hat bei seinem Kommen zur Rettung der Menschheit. Bei der göttlichen Homöotherapie gehören also Ähnlichkeit und Dosierung unlöslich und ursächlich zusammen! Und es ist doch wahr: Wenn man sich den zerschundenen, zerschlagenen, sterbenden, an das Kreuz genagelten Christus – die Ohnmächtigkeit in Person – vorstellt, dann muß man einfach bemerken, dass Gott da zur Überwindung der Krankheit zum Tode sowohl das Simillium als auch die kleinstmögliche Dosierung genommen hat.

Es ist möglich, dass diese Gedanken manchem absolut nichts sagen, ja sogar lächerlich vorkommen. Ich meine jedoch, dass zwischen dem heilenden Handeln Gottes in neutestamentlicher Sicht und dem heilenden Handeln eines Arztes in Hahnemannscher Sicht durchaus Zusammenhänge bestehen. Es ist gewiss kein Zufall, dass viele der Missionare, die im vorigen Jahrhundert auszogen, um der Welt die Botschaft von Christus zu verkündigen, ihr wohlsortiertes Kästchen mit homöopathischer Arznei mit sich führten. Es ist jedenfalls bedauerlich, dass die christlichen Kirchen heute in ihren Anstalten und Krankenhäusern diese menschenfreundliche Behandlungsweise völlig außer Acht lassen. Ob Hahnemann selbst etwas von diesen Zusammenhängen gesehen hat? Ich halte das für möglich. Sicher ist, dass er die Homöopathie als „die große Gabe Gottes“ bezeichnete (Die chronischen Krankheiten, 1.Teil, 2.Auflage, 1835,Seite 2) und seine Erkenntnisse als von Gott geschenkt: „Der Geber alles Guten ließ mich...das erhabene Rätsel zum Wohle der Menschheit lösen“ (ebd. Seite 6). Auf jeden Fall hat er ähnliche Gedanken wie die oben ausgeführten gehabt, wenn er schreibt: “Der Heilkünstler in diesem Geiste schließt sich unmittelbar an die Gottheit, an den Weltschöpfer an, dessen Menschen er erhalten hilft, und dessen Beifall sein Herz dreimal beseligt.“

 

(Zeitschrift für „Klassische Homöopathie und Arzneipotensierung“,

ebenda, Bd.XVI, Heft 6, 1972, Haug-Verlag, Heidelberg)